Atlantik Kanaren - Kapverden 2012

 

Atlantik Azoren - Coruna 2013

 

 

 

Piraten

und andere Begegnungen

auf See und an Land

Hochseesegeln von Küste zu Küste ist an sich schon eine spannende Sache, das landen in fremden Kulturen bringt noch einen Kick dazu. Zum Glück fühlst du aber nicht jede Nacht ein kaltes Messer an deiner Kehle wozu dir ein Vermummter ins Ohr zischt: I kill you, I kill you, give me money...

Hinterher sind es vielleicht spannende Geschichten. Aber wenn du mitten drin steckst, findest du es weder spannend noch lustig. Meistens jedenfalls und vor allem dann nicht, wenn du um die Verantwortung weißt, für das Wohl deiner Gefährten.

 

Piraten der Karibik: Hautnah

 

Schroffe Felsen, dreißig, vierzig Meter hoch stehen wie eine Hafenmauer westlich der Strände von Chateaubelair, im Nordwesten der Karibikinsel St. Vincent. Gut eine Viertelmeile springen diese Felsen nach Norden ins Meer und bilden mit dem Strand eine halbwegs geschützte Bucht im Lee der Insel. Ein brauchbarer Ankerplatz. Ich kenne ihn von meinem früheren Besuch und habe seither nichts Nachteiliges darüber gehört.

 

Unbeschwertes Segeln vor Bequia

Der Anker war nachmittags gefallen und wir hatten noch ein paar Stunden Zeit, um durch den Ort zu spazieren, mit Kindern zu scherzen und in einer Kneipe einen Drink zu nehmen. Aber zum Anbruch der karibischen Nacht nach 18 Uhr, waren wir wie immer wieder an Bord der DAISY, unserer 18 m langen Ketsch, die uns von Trinidad hierher getragen hat. Es ist tropisch heiß und stockfinster. Nach einem feinen Dinner und einer lustigen Ratschrunde oben im Mittelcockpit angesichts der glitzernden Straßenlaternen des Dorfes Chateaubelair, verziehen wir uns in die Kojen.

 

Noch am Abend zuvor in den Grenadines hatte ich eine kaum sichtbare Angelschnur um beide Cockpits gespannt. Die Bucht war mir neu gewesen und nicht geheuer. Ein Eindringling wäre unweigerlich über die Schnur gestolpert. Hier fühlte ich mich einigermaßen sicher. Das war ein Fehler.

 

Chateaubelair, St. Vincent

 

Kreischend grelle, markerschütternde Schreie mitten in der Nacht. So brüllt ein Mensch, so schreit eine Frau in Todesangst. Wir haben nur eine Mitseglerin an Bord, Uschi, eine sportliche Frau Mitte der Fünfzig. Sie schläft mittschiffs, nahe am mittleren Niedergang der Segelyacht. Albrecht und Hannes, kräftige Männer jenseits der sechzig, haben ihre Kojen im Vorschiff.

 

Diese gellenden Schreie! Bis ins Mark geschockt springe ich aus meiner Koje, trage lediglich bunte Boxershorts, reisse die Kabinentür auf und will vom Achterschiff, wo meine Kabine liegt im Dunkeln nach vorn. Doch ich erreiche den Flur nicht. Eine stämmige Gestalt steht mir im Weg, stürzt auf mich zu. Ein  mittelgroßer schwarzer Mann, ein kariertes Tuch vor dem Gesicht. Ich sehe nur das Weiße seiner Augen und dass er einen langen Gegenstand in der Hand hält. Dieser Gegenstand kommt auf mich zu. Plötzlich fühle etwas Kaltes an meinem Hals, an der Kehle. Etwas Kaltes. Und höre diese Stimme, die ich nie wieder vergessen werde: »I kill you, I kill you. Give me money, I kill you...«

 

Ich brülle zurück: »Wait, wait, you get money« irgendwas in dieser Art. Ich versetze dem Mann einen Stoß gegen die Brust, will ihn von mir weg haben. Die Machete saust mit ihrer Spitze über meine Brust, trifft mit Wucht meinen rechten Unterarm, dicht über dem Handgelenk. Ein harter Schlag. Ein sehr harter Schlag. Ich fürchte augenblicklich um meine rechte Hand. Ich weiche zurück in meine Kabine, kann mit der Linken die Tür zuziehen.

 

Der Mann draußen reißt an der Klinke. Mit aller Kraft halte ich die Innenklinke. Was ist mit meiner rechten Hand? Ist sie noch dran? Ich kann die Finger bewegen, spüre sie an meinem Oberschenkel, an meiner Brust. Das beruhigt erst mal ein wenig. Der Typ hat von der Tür abgelassen.

 

Fieberhaft fummle ich im Ablagefach neben meiner Koje nach der Geldbörse. Wo ist die bloß? Ich höre es plätschern hier in meiner Kabine. Wasser? Ich fühle die Flüssigkeit mit den Füßen. Sie ist warm. Warmes Blut. Es läuft aus meinem rechten Arm. Jetzt versucht einer oben durch mein Kabinenfenster einzudringen. Ich kann es schnell verriegeln. Der gesamte Kabinenboden ist dunkel, wirkt fast schwarz. Blutverlust, du fällst in Ohnmacht, dann ist alles aus. Was ist mit den anderen? Die Gedanken jagen sich.

 

Keiner rüttelt mehr an der Klinke. Ich öffne die Tür, trete in den Flur, niemand da. Ich renne in den Salon. Die Lichter sind an, Albrecht steht da mit einem Bettlaken um den rechten Oberarm. Blut sickert durch, überall auf dem Boden Blut. Uschi mit ihren roten Locken steht neben ihm, bleich im dünnen Schlafanzug.

»Uschi, bist Du okay?«

»Mir fehlt nichts. Der Albrecht ist verletzt, der muss zum Arzt ins Krankenhaus, schnell«,sagt sie und fährt fort: »Hier war einer mit so einem langen Messer und einer Fackel. Die wollten das Schiff anzünden.« 

Hannes klaubt seine Geldbörse auf.  Kredit- und Bankkarten liegen verstreut.

 

»Was ist mir Dir Hannes?« 

»Bin okay. Die haben mein Geld. Ich hab dem meinen Geldbeutel gegeben. Da hat er alles raus«.

»Schweinerei. Den Verbandskasten!« Ich hole den Verbandskasten. Uschi arbeitet zuhause als Physiotherapeutin. Sie versorgt unsere Wunden. Albrechts Oberarmmuskeln klaffen auseinander bis auf den Knochen. Ich finde, er sieht entsetzlich bleich aus.

 

»Der hat mir in den Arm gehackt«, stöhnt er. Ein kräftiger großer Mann. Erspricht kaum Englisch, nur Fränkisch-Bayerisch und das deutlich.

 

»Er hat sich auf den Schwarzen gestürzt« erklärt Uschi.

»De Drecksau hat mir mit dera Machetn in den Arm g’haut«, schimpft Albrecht.

»Scheiße. Wieviele waren es?« will ich wissen.

 

»Zwei glaub ich. Der eine ist dahinter. Der andere ist dann da hinauf und gegen den Tisch im Cockpit gerannt«. Uschi weist zum Niedergang hinüber.

 

Am Abend hatte ich die Schiebeluken der beiden Niedergänge verriegelt. Nur die senkrechten Schotts waren wegen der Hitze nicht eingesetzt worden. So blieben nur relativ kleine Lüftungsöffnungen. Wer unter dem Schiebeluk hindurch ins Mittelcockpit hinaus wollte, rannte unweigerlich gegen den dort befindlichen Tisch aus massivem Teak.

 

An der Schalttafel im Achterschiff knipse ich die vier Decksstrahler an, öffne den Riegel des Luks und schiebe zurück. Vorsichtig steige ich hinauf. Draußen herrscht die schwarze Nacht der Tropen im Schatten der steilen Berge von St. Vincent, der nördlichsten und größten Insel des Karibikstaates St. Vincent and the Grenadines. Nur die wenigen Straßenlampen der 730-Einwohner-Ortschaft Chateaubelair schimmern herüber.

 

Im Schein der Strahler liegt das Deck leer vor mir. Auf dem Vorschiff steht das  Dinghi, das Schlauchboot mit Außenbordmotor bereit. In zweifelhaften Gewässern lass ich es nie die Nacht über im Wasser. Es kommt mehr Wind auf, die 30-Tonnen-Yacht wiegt sich leise in der Dünung. Sie liegt vor Anker keine 200 Meter vom Ufer entfernt, in der weiten Bucht, die nach Südwesten von der schmalen Halbinsel aus den steil aufragenden Felsen geschützt ist.

 

Es ist etwa 01.30 Uhr. Hilfe muss her, schnell. Aber weder der Notruf per Funk noch rote Raketen alarmieren irgendwelche Helfer. Nachmittags sind wir noch an der Polizeistation vorbeispaziert. Sie befindet sich weniger als 500 Meter vom Schiff entfernt. Erst per Mobiltelefon gelingt es, Kontakt zur Polizei zu bekommen.

 

Tatsächlich erscheint auf der Betonpier ein Streifenwagen unter dramatischem Blaulichtgefunkel. Doch mehr passiert nicht. Dabei liegt am Strand mindestens ein Dutzend stabiler Kähne mit Außenbordmotoren. Hannes hilft, das Beiboot zu Wasser zu bringen. Wir benutzen wie immer das Fall der Kutterfock. Endlich schwimmt das Dinghi neben der DAISY. Ich klettere hinunter, werfe den Außenborder an. Hannes und Uschi helfen Albrecht ins Boot. Wind kommt auf. Es beginnt zu regnen.

 

Fall abschäkeln, Leine ins Boot und Gas geben. Der Motor knattert los. Ich setze mit Albrecht über. Die Betonpier ist eine Brücke, auf Stelzen gebaut. Die Wellen laufen unten durch. Das Schlauchboot schlägt gegen den Beton. Es gibt eine bröckelnde Treppe. Polizeibeamte erwarten uns, setzen Albrecht in den Streifenwagen. Ich steige mit ein und bitte darum, das Dinghi zu bergen, damit es nicht am Beton zu Schaden kommt. Die Männer in Uniform sagen mir diese Hilfe zu. 

 

Es gibt eine Ambulanzstation im Ort aber keinen Arzt. Eine Krankenschwester und ein Krankenpfleger erwarten uns. Die Schwester sieht sich unsere Verletzungen an, fragt nach unserem Impfschutz. Sie setzt mir eine Tetanusimpfung und verbindet Albrechts Arm und mein Handgelenk neu.

 

»You need a doctor urgently. We bring you in the hospital«.

Das einzige Krankenhaus des Landes steht in Kingston, in der Hauptstadt, rund sechzig Kilometer südlich. Klingt nah. Aber St. Vincent ist eine Gebirgsinsel dicht mit Dschungel überwuchert. Schmale, kurvenreiche steile Straßen. Die Fahrt im Toyota-Krankenwagen dauert über eine Stunde. Gefühlt und bei Regen noch länger.

 

Schließlich kurvt der Wagen unter Straßenlaternen schwungvoll eine Zufahrt zu einem großen Gebäude hinauf, hält vor hell erleuchteten Glastüren in grünen Rahmen. Die Notaufnahme des Robert-Milton-Cato-Krankenhauses. Wir werden professionell und überaus freundlich behandelt. Alle drücken ihr tiefstes Bedauern aus. Albrecht bekommt sofort Sauerstoff, die rundliche, gut gelaunte Ärztin näht, assistiert von einer schlanken Krankenschwester, seine klaffende Wunde und anschließend meine.

 

Der Morgen graut. Wir stehen in Schlafklamotten im Krankenhausflur, vor der Apotheke, um Medikamente zu bekommen. Wie sollen wir wieder nach Chateaubelair kommen, zurück zu unserem Schiff?

 

Die Ärztin hat Dienstschluss um sieben. Sie meint es gäbe zwei Möglichkeiten: Mit dem Bus. »Very unsafe but only five bucks. Or by taxi. But it costs 100 dollar. But let me try something«.

 

Ich sehe sie unten im Hof in einen schicken weißen Geländewagen steigen. Als sie vom Hof kurvt, kommt ihr ein Mann entgegen. Hoch gewachsen, schlank, mittelbrauner Anzug und Krawatte. Sie winkt ihn heran und redet mit ihm. Dabei weist sie zum ersten Stock herauf, wo ich am Fenster stehe.  

 

Wenig später steht der Mann vor mir. Stellt sich vor als Verwaltungs-Chef des Hauses, spricht mitfühlend sein Bedauern aus über das Geschehene und sagt mir zu, uns seinen Fahrer zur Verfügung zu stellen für die Rückfahrt nach Chateaubelair.

 

Die Sonne strahlt, herrliches Wetter. Wir kurven die Dschungelstraße durch das Gebirge zurück. Der Chauffeur hat vielleicht etwas missverstanden: Er fährt, als gelte es Leben zu retten. Hupend durch die Dörfer. Kinder springen zur Seite, Hühner, Katzen, Ziegen flüchten. Auf einer 17%-Gefällstrecke fällt ihm bei ca. 120 km/h das Telefon in den Fußraum. Ich sehe unten im Tal eine Kurve vor einer Brücke über einen Bach und danach wieder eine Kurve, während der junge Mann nach seinem Mobile krabscht. Er findet es und der Toyota schlittert in die Kurve über die Brücke, die Hinterachse holpert ein wenig…

 

Tiefes Aufatmen, als wir gegen halb neun die letzte Passhöhe erreichen und sich der Blick öffnet auf die Bucht von Chateaubelair. Eigentlich atemberaubend schön. Da unten liegt die weiße, stolze DAISY friedlich in der Sonne im tiefblauen Wasser am Anker schwoiend. Welche Erleichterung: das Dinghi dümpelt am Heck samt Außenbordmotor. 

 

Vor dem Polizeigebäude erwartet uns ein kleiner Menschenauflauf. Albrecht und ich steigen aus. Die Leute nehmen unsere Hände und entschuldigen sich für die Täter. Manche äußern sich zornig über das Verbrechen. Ein bärtiger Mittvierziger mit Schreibblock in der Hand bittet mich, ihm alles zu erzählen. Er sei Parlamentsabgeordneter und empört sich sehr darüber, dass unser Funkruf unerhört geblieben ist.

 

Im Polizeigebäude, durch das beständig der lebhafte Passat weht, und Türen und Fenster schlagen lässt, arbeitet ein halbes Dutzend Kriminalbeamter in Zivil. Die DAISY-Crew ist versammelt. Die Beamten seien schon an Bord gewesen berichtet Uschi, seien aber offensichtlich rasch seekrank geworden und hätten die Spurensicherung sehr schnell erledigt. Nun werden Protokolle geschrieben, Übersetzungen angefertigt. Dies geschieht per Hand mit Bleistift. Später wird der Text mit Kugelschreiber abgeschrieben.

 

Der Chefermittler, ein beeindruckender Zweimeter-Mann in den Fünfzigern, bittet mich darum noch nicht sofort auszulaufen. »We have a suspicion«, sagt er und schiebt die Brille zu recht. Er will eine Gegenüberstellung erreichen. Außerdem habe sich der Minister für Tourismus, Dr. John Thompson, angekündigt. Ich werde ans Telefon gerufen. Die Leiterin des Tourismus-Departements der Regierung in Kingston erklärt, wie peinlich der Vorfall sei. »Wir beschäftigen zwei Werbeagenturen in Deutschland. Wir müssen im Gespräch bleiben«.

 

Eine Stunde später fährt draußen ein weißer Van der Polizei vor. Die Schiebtüren gehen auf und Polizeibeamte führen an Handschellen drei junge Kerle ins Haus. Sie tragen gute Sportklamotten, Sportschuhe, kein Eindruck von Ärmlichkeit. Ein stämmiger mittelgroßer Bursche von vielleicht 20 Jahren, ein kleinerer jüngerer und ein kräftiger großer, möglicherweise der Älteste. Er trägt einen mächtigen Verband auf dem Kopf. Er habe sich daheim am Küchenschrank gestoßen, antwortet er auf die Frage des Chefermittlers.

 

Uschi erkennt seine Stimme sofort wieder. Und als ich den Mittleren auffordere, seine Worte aus der Nacht zu wiederholen und er dem tatsächlich nachkommt, läuft mir ein Schauer von Zorn über den Rücken. Kein Zweifel.

 

Der Kripomann fragt mich, ob ich zur Gerichtsverhandlung kommen wolle. Da er  keinen Termin nennen kann, muss ich bedauernd verneinen. Dann kommt der Minister, ein freundlicher hagerer Mann im blauen Anzug. Dr. Thompson entschuldigt sich wortreich im Namen der Regierung. Er veranlasst ein Mittagessen für die Crew. Fastfood.

 

Schwerbewaffnete Küstenwache ist eingetroffen. Okay, wir bleiben noch eine Nacht. Am Morgen kommt ein Polizei-Schlauchboot längsseits, besetzt mit wohlbewaffneten, schwarz uniformierten Polizisten und Polizistinnen. Ein Beamter überreicht ein Kuvert. »A present of the community of Chateaubelair.« sagt er und zieht wieder ab. Beklommen öffne ich das Kuvert. Banknoten. 100 US-Dollar, 100 EURO und 100 EC-Dollar. Ich reiche alles an Hannes weiter. 700 Euro hat er verloren.

 

Gegen Mittag lichten wir den Anker. Das Törnziel meiner Crew, die zehn Tage zuvor in Chaguaramas, Trinidad, an Bord gekommen war, ist Antigua. Die nächste Nacht werden wir in St. Lucia verbringen. Ein anderer Staat. Er soll als sicher gelten. Dort wollen wir Matthias, Uschis Freund an Bord nehmen. Er ist schon eingetroffen und hat sich in einem Hotel bei Soufriere eingemietet.

 

Die Maschine treibt DAISY aus der Bucht von Chateaubelair. Nichts wie weg hier. Allen steckt der Schreckensschock noch in den Knochen. Ich dreh das Schiff in den Wind, der hier im Lee der Insel kaum über 12 kn erreicht. Hannes übernimmt das Ruder. Ich geh nach vorn und kurble das Großsegel hoch. Albrecht kann nicht mehr mitmachen. Er will von St. Lucia aus nachhause fliegen.

 

Als das Groß steht, lässt Hannes Wind hinein. Ich geh nach achtern und roll die Genua aus. DAISY neigt sich leicht nach backbord und nimmt Segelfahrt auf. Auskuppeln, die Schraube in Segelstellung und die Maschine wird abgestellt. Schon fängt die Bugsee an zu rauschen.

 

Nichts wie weg. Hannes in seinem Element

Bald liegt das Nordkap von St. Vincent an steuerbord querab. Voraus erhebt sich der dunkle Buckel von St. Lucia. Uschi bereitet eine Mittagsbrotzeit. Danach können wir schon die Zuckerhüte von St. Lucia ausmachen: Die beiden Pitons. Wir werden kurz nach 18.00 Uhr vor dem Hotel in der Bucht von Soufriere ankommen, in dem Matthias abgestiegen ist, soviel steht fest. Albrechts Flieger startet morgen Nachmittag. Laut Karte und Handbuch könnte man dort vor dem Hotel auf 15 bis 20m ankern.

 

In der kurzen Dämmerung läuft DAISY in die Bucht ein. Der Ankerplatz liegt in der Nordostecke. Das Hotel ist gerade noch zu erkennen. Es fügt sich gut in die Landschaft ein, viele Bäume verdecken es. Wir haben die Segel schon geborgen. Das Schiff läuft mit grummelnder Maschine in die Ecke der Bucht. Hannes macht den Anker klar.

 

Der fällt ungefähr 100 m vor der Küste. 70 m Kette gehen raus. Ich fahre den Anker achteraus ein. Er hält nicht. Noch ein Versuch. Versehentlich bleibt der Ankerstock, mit dem die Kettenbremse bedient wird, im Kettenrad stecken. Als beim Einfahren die Kette steif kommt, gibt es einen Ruck, der Stock springt aus dem Loch und fliegt mit einer eleganten Drehung über Bord. Das Teil ist aus Niro und kostet 100 Euro. 22 m Wassertiefe. Tschüss Ankerstock. Mit dem größten Schraubenzieher, den wir an Bord haben, versuchen wir ihn zu ersetzen.

 

Mir gefällt dieser Platz nun überhaupt nicht mehr. Ich steuere einen anderen Platz an vor der Ortschaft Soufriere. Dort hält der Anker sogleich.  Wir setzen das Dinghi ins Wasser und ich schraub den Außenborder dran. Als ich ihn anlassen will, greife ich routiniert zum Ganghebel. Mein Griff geht ins Leere. Der Hebel ist weg. Die Untersuchung mit Taschenlampe ergibt: Abgebrochen. Der Außenborder muss irgendwo dagegen geschlagen haben, und der Hebel war dazwischen. Kann eigentlich nur die Betonpier in Chateaubelair gewesen sein. Wenn man den Motordeckel anhebt, lässt sich der Gang mit einiger Mühe auch an der Achse einlegen.

 

Es ist fast 20 Uhr als wir an Land gehen. Die kleinen Behausungen der Einheimischen säumen das Ufer. Ein Mann bietet sogleich seinen Wachdienst für Yacht und Tender an gegen 10 EC-Dollars. Okay. Wir fahren mit einem Taxi zum Hotel.

 

Es ist ein fabelhaft romantischer Platz, an dem uns Matthias empfängt: Vom Tisch aus genießen wir den Blick über die dunkle Bucht und die Lichter von Soufriere. Die Hotelbesitzerin, eine stattliche vollschlanke Dame, kennt bereits unser Schicksal. Sie setzt sich nach unserem leckeren karibischen Mahl zu uns und schimpft aufgebracht: »We do not need them. Kill this people, kill them!«

 

In schwarzer Nacht bringt uns das Taxi zum Dinghi zurück. Wir setzen über. Matthias richtet sich mit Uschi in der Mittschiffskabine ein. Es gibt noch ein Glas Roten bevor wir unsere Kojen aufsuchen. Eine sichere, ruhige Nacht umfängt uns.

 

Am nächsten Morgen gibt es Einiges zu erledigen. Die Einklarierung, der Ersatz des Ankerstocks und eventuell die Reparatur des Außenbordmotors bzw. Ersatz des Schalthebels. Albrecht will zum Flieger und die Crew einen Ausflug zum Vulkanund in den Dschungel unternehmen.

 

In Soufriere erinnern viele Gebäude an die britische Kolonialzeit, die Kirche zumal, in den Straßen tobt das Leben. Nach dem Frühstück geht die gesamte Crew an Land. Als ich nach der üblichen Wartezeit dem Immigrations-Officer gegenübersitze, erklärt er mir gleich, dass solche Überfälle in St. Lucia nicht vorkommen. Er hatte meine verbundene Rechte gesehen und wusste gleich Bescheid. Als die Formalitäten erledigt sind, erzähle ich ihm das Malheur mit dem Schalthebel des Außenborders. Er grinst verschmitzt, zieht eine Schreibtischschublade auf und holt einen Hebel heraus, genau wie ich einen brauche.

 

»You needsomething like this?«

»Exactly«.

»This is mine.I need it. But one moment«.

 

Er steht auf, tritt ans offene Fenster sieht sich einen Moment um, dann ruft er einen Namen. Ein Mann mit schwarzem Vollbart kommt zum Fenster gelaufen. Die beiden unterhalten sich in karibischem Kauderwelsch. Der Beamte deutet auf die DAISY, die dort draußen ankert und ich höre den Schiffsnamen. Der Bärtige nickt und geht wieder weg.

 

Der Beamte wendet sich wieder mir zu und nimmt wieder hinter seinem Schreibtisch Platz.

»Richard will visit your ship in one hour. Are you on board?«

»Ofcourse. I will wait for him«.

 

Ich kann noch Einiges Einkaufen und kehre an Bord zurück. Karibische Stunden sind meist etwas länger. Aber Richard kam so gesehen ziemlich pünktlich mit einem Fischerkahn längsseits. Der bärtige hagere Mann erklärte, er sei Mechaniker. Er sah sich den Außenborder an, schrieb sich die Daten auf und erklärte, er könne das Ersatzteil aus Castries, der Hauptstadt holen. Wenn ere s habe, würde er abends nochmal vorbeikommen, um den Außenborder zu holen und das Teil in seiner Werkstatt einbauen. Okay. Dann erläuterte ich ihm noch unser Pech mit dem Ankerstock.

 

Richy zog die schwarze Stirn kraus und sagte: »Okay I will try it.«

Genauso lief es ab. Als am Abend die Rest-Crew wieder an Bord war, kam tatsächlich Richy wieder mit dem Fischerkahn längsseits, um den Motor zu holen.

»Willst Du den wirklich weggeben?« Die Crew hatte Bedenken.

»Er hatversprochen, ihn morgen um acht wieder zu bringen. Ich glaub ihm das.«

 

So verschwand unser Yamaha in der Dunkelheit. Nach dem Dinner füllten wieder viele Geschichten den Abend im Mittelcockpit.

 

Am Morgen, noch vor dem Frühstück kam Richy mit dem Fischerkahn längs. Er überreichte mir den Yamaha mit neuem Schalthebel – und ein Wasserrohr, dessen Ende er so flachgeschmiedet hatte, dass es in die Öffnungen des Kettenrades passte. Wir hatten wieder einen Ankerstock für die Kettenbremse. Kostenpunkt: 80 US-Dollar. Alleswieder gut, oder?

 

Unsere Reiseführte uns am Bogen der Kleinen Antillen entlang weiter nach Norden. Auf Martinique will ich vor Port au France den Anker klar machen und begebe mich dazu in den Bug. Irgendwas ist anders. Normalerweise klappert der Nirobügel für die Kuchenbude überm Mittelcockpit, der dort vorn gestaut ist, wenn ich am Kutterstag vorbeikomme. Er passt so schön zwischen Relingsstützen und Schandeck. Aber es klappert nichts. Er ist nicht mehr da. Den hat wohl der Wachmann in St. Lucia besser gebrauchen können.

 

Geklaut wird leider überall. Aber auf dieser Etappe bleiben Schiff und Crew erst mal vorweiteren kriminellen Angriffen verschont. Jedenfalls bis zur Ankunft in der Dominikanischen Republik. Aber dort ist eine andere Crew an Bord und erlebt eine andere Geschichte.

 

 

  

Mein Kommentar:

 

Natürlich werfen Angriffe dieser Art Fragen nach Gegenmaßnahmen auf. In den Tagen danach war ich wild entschlossen mich zu bewaffnen. Ich kann mit Waffen umgehen, habe es gründlich und lange genug erlernt. Mein Argument: Junge Leute in dieser Gegend begreifen es möglicherweise als einträglichen Sport, Yachten auszurauben. Und sie nehmen klar in Kauf, Menschen zu verletzen. Würden sie ein einziges Mal auf ernsthafte, sehr ernsthafte Gegenwehr stoßen, wäre der Spuk bald vorbei. Natürlich müsste dann Wache gegangen werden auf der Yacht. Und wer Wache geht, müsste fähig sein die Waffe einzusetzen. Erst zur Abschreckung und Warnung, dann gezielt. Aber das braucht Ausbildung, um Missverständnisse und tragische Fehlentscheidungen zu vermeiden. Dies ist kaum zu leisten, schafft nicht einmal die Großschifffahrt.

Bleibt die Lösung B: Den Ort meiden, bis die Behörden des Landes entsprechende Sicherheit gewährleisten können. Fragt sich nur, wer es als Erster ausprobiert. Ich war schon Jahre zuvor in der Bucht, ohne Probleme. Jedenfalls wird mein Schiff mit einem wirksamen individuellen Alarmsystem ausgerüstet. Ich setze auf Abschreckung durch Licht. Denn ich will mir von Kriminellen nicht die Lust am Segeln im Paradies verderben lassen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kontakt:  

Hermann Engl

Seereisender und Autor

0049 15119335910

hermann.engl@t-online.de

 

 

 

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